Ganzeinheitliche Physiotherapie auf naturheilkundlicher Grundlage

Die geisteswissenschaftlichen Arbeiten Dr. Rudolf Steiners, die unter dem Namen Anthroposophie weltweit Be- achtung finden und seit ihrer Entstehung zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nahezu alle Lebensbereiche berührt und befruchtet haben, sind gerade heute bestens ge- eignet,  dem modernen Menschen christlich-abend-ländischer Prägung Wege aufzuzeigen, die ihn über die Grenzen einseitig materialistisch-naturwissenschaftlicher Denkweise hinausführen. Die dem gegenwärtigen Zeit- geist noch immer entsprechende innigste Durchdringung des Stofflichen wird als notwendiger Entwicklungsschritt innerhalb der Menschheitsgeschichte verstanden, der aber ergänzt und erweitert werden muss um die Dinge des Lebens und die hinter allem Lebendigen stehenden Geist-wirkungen, bis hin zur Offenbarung deren Ursprungs und Bestimmung. Insbesondere das der Anthroposophie zu- grunde liegende Menschen- und Naturverständnis, wo- nach der Mensch nicht bloß als lediglich im Stoffe wir- kendes Zufallsprodukt einer willkürlichen Evolution, son- dern als eine der geistigen Lebenssphäre angehörende, empfindende und vernunftbegabte, ich-bewusste Persön-lichkeit begriffen wird, die mit dem gesamten irdischen Schöpfungsbereich in inniger Wechselbeziehung zum außerirdischen Kosmos steht (Mikrokosmos im Makro-kosmos),  hat auf breiter Ebene die Kultur der industri- ellen Zivilisationsgesellschaft des beginnenden zwanzigs- ten Jahrhunderts geradezu revolutionär angetastet. Und sie tut es bis heute in immer größerem Ausmaß und in allen erdenklichen Lebensbereichen. Dies gilt, was hier besonders interessiert, in Sonderheit auch für das Heil- wesen.

Dem Heilwesen nämlich ermöglicht das anthroposo-phische Menschenbild in Medizin und Therapie ein wahr- haft ganzheitliches Erfassen des Individuums Mensch auf der Grundlage irdisch/kosmischer Lebenszusammenhänge und dadurch ein neues Verständnis für Gesundheit und Krankheit. Dem anthroposophischen Menschen- und Na- turverständnis zufolge dient dem Menschen zu seiner Existenz ein physischer (stofflicher) Körper, der von Geist belebt und  im Weiteren beseelt  ein menschentypisches Selbst-Bewusstsein ermöglicht, was den Menschen über die übrigen Naturreiche (Mineralreich/unbelebt, Pflan-zenwelt/belebt, Tierreich/beseelt) erhebt und zum Ver- nunftwesen begabt. Die Anthroposophie definiert diese vier verschiedenen Wesensglieder als 1). Physischen Körper, 2). Lebensleib, 3). Seelenleib, und 4). Ich, als Vertreter des ich-bewussten Menschengeistes, wobei der Begriff Leib nicht buchstäblich zu verstehen ist, sondern im Sinne einer Organisation.  Fokussiert man in der Be- trachtung den physisch-körperlichen Menschen, spricht man daher auch von Lebensorganisation, Seelenorga-nisation und Ich-Organisation. Jedem dieser vier men- schlichen Wesensglieder ist  ein spezifisches Naturreich, eine entsprechende charakteristische Eigenschaft und ein Element der Schöpfung zugeordnet, so dass sich der stoffliche Körper wiederfindet auf der Ebene des un- belebten Mineralischen der Erde; der Lebensleib seine Entsprechung findet im biologischen Lebensbereich der Pflanzen und des Wässrigen; der Seelenleib sein Gegen- stück findet in der beseelten Sphäre der Tierwelt und des Luftig-Gasigen; während das verständige und selbst-bewusste Ich als des Menschen innerster Seelenkern in die lichten Höhen geistiger Welten gehört und in einer rein geistigen Dimension an das Göttliche anzuknüpfen vermag, irdisch abgebildet im Element des Feuers und der Wärme. Dies sei aus Gründen der Anschaulichkeit durch nachfolgendes Schema erläutert:

Naturreich Wesensglied Eigenschaft Element
Mensch Ich (Geist) selbstbewusst Feuer
 Tier  Seelenleib  beseelt  Luft
 Pflanze  Lebensleib  belebt  Wasser
 Mineral  phys.Körper  unbelebt  Erde


Für das Heilwesen besonders fruchtbar ist die funk- tionelle Dreigliederung des aus vier Wesensgliedern be- stehenden Menschen. Hiernach stehen sich ein oberer und ein unterer Pol gegenüber und werden durch ein Rhyth-misches System ausgeglichen zueinander in Beziehung gesetzt. Der obere Pol sitzt im Kopf und umfasst Nerven und Sinne; wir sprechen deshalb auch vom Nerven-Sinnes-Pol. Über diesen greifen Ich und Seelenleib ins Stoffliche ein. Der untere Pol liegt im Bauchraum und ent- spricht dem Stoffwechsel, aus dem letztlich Bewegung resultiert. Daher wird er auch als Stoffwechsel-Glied-maßen-Pol bezeichnet. Von hier aus wirkt der Lebensleib belebend und aufbauend im Organismus. Zwischen beiden befindet sich das Rhythmische System mit Sitz im Brustkorb, stofflich dargestellt durch Atmung und Blut- kreislauf. Die Seelenqualitäten  Denken, Fühlen, Wollen finden in den Funktionssystemen Nerven/Sinne, rhyth-mischer Ausgleich und Stoffwechsel/Gliedmaßen ihre Ent- sprechung. Die Seelenfähigkeiten Empfindung, Verstand und Ich-Bewusstsein benötigen Lebensbildekräfte zu ihrer Existenz, oder anders ausgedrückt: Von ihrer stofflichen Aufgabe frei gewordene Lebenskräfte werden zugunsten von Empfindung, Verstand und Bewusstsein aufge-braucht. Dies hat auf stofflicher Ebene degenerative Pro- zesse zur Folge, denen die Begriffe Abbau und Sklerose zugeordnet sind, wohingegen die aufbauenden Prozesse des Lebensleibes der Stoffwechselleistung Auflösung und Entzündung angehören. Sklerose und Entzündung stehen sich demnach als Krankheitstendenzen polar gegenüber und werden mittels des Rhythmischen Systems harmonisierend im Gleichgewicht gehalten. Dieses labile und ständig neu zu erringende Gleichgewicht heißt Gesundheit. Es zu verlieren bedeutet krank zu werden, entweder zur entzündlichen oder zur sklerotischen Seite hin. Die hier gegebene Abbildung soll dies zum besseren Verständnis veranschaulichen.